B
Bürgerkriege
Aus meinem taz-Leserbrief im August 2013: Viele Jahre bin ich durch die Welt gereist, habe Stimmungen in über 100 Ländern mitbekommen. Ich meine, es ist und war geradezu vorhersagbar, wo die nächsten Bürgerkriege passieren, wo die Menschen aufgrund stark gegensätzlicher Meinungen und mangels eines funktionierenden Diskussionsklimas gegeneinander aufstehen und physisch gegeneinander kämpfen, wo militärische und zuvor polizeiliche Gewalt die letzte Möglichkeit darstellen, den Staat zusammenzuhalten.
Ägypten gehörte für mich schon seit langem zu genau diesen Kandidaten. Andere Kandidaten sind (watch out!): Argentinien, Tonga, Honduras, Nigeria, Nepal, Südafrika und als einziges westliches Land – Deutschland. Das alles sind Bürgerkriegs-Kandidaten. Natürlich neben den üblichen Verdächtigen in Afrika wie der Sudan, Kongo DR und Ruanda.
Kandidaten wiederum für gemäßigtere Auseinandersetzungen sind: Iran (weil die Position der Ablehnung in der Bevölkerung gegen das Mullah-Regime weitestgehend geteilt wird), Kuba (wenn man ihnen den Rum wegnimmt), Brasilien (aber erst in > 15 Jahren, da aufstrebender und weniger destruktiv als Argentinien), Java/Indonesien (die Hitze ist zu stark für einen Bürgerkrieg) und vielleicht Marokko (aber nur, wenn es einen Anschlag auf den König gibt).
Andere große Spannungen, die sich aber gesellschaftlich auffangen lassen, sind: Mexiko (die haben den Rettungsanker Musik im Blut), Russland und Usbekistan (Wodka hält die Leute still. Aber wer sich rührt, wird von Polizei und Militär fertig gemacht), Italien (solange Dolce Vita funktioniert ist Ruh‘), Indien (ihre Art das Leben zu nehmen – manche nennen es Spiritualität – lässt selbst 1,5 Milliarden Inder auf engem Raum zusammen leben) und die Philippinen (über 7.000 Inseln machen keinen landesweiten Bürgerkrieg möglich).
C
Christen
Viele Christen habe ich in meinem Leben kennengelernt, die das mitmenschliche Christliche leben. Auf der anderen Seite habe ich aber auch einige bekennende Christen kennengelernt, die die Weltsicht vertraten, dass bekennende Christen besser sind als andere Menschen, dass sie auf der Erde mehr Rechte (auf Erfolg) hätten als Nicht-Christen. Einen solchen Glauben halte ich für schlecht, denn er zementiert Herrenmenschentum, Ausbeutung und Kolonialismus.
Ich hatte mal einen Schulfreund (ob er wirklich mal ein Freund war?), der mir in mitleidsvoller Positur erklärte, es sei ein Schaden (bzw. es sei schade), dass ich nicht in den Himmel komme, weil ich aus der Institution Kirche ausgetreten war.
Vielen Christen scheint die gegenwärtige Welt nicht die reale Welt zu sein. Durch diese Erlebnisse erschließt sich mir der Philosoph Friedrich Nietzsche, der meinte, Christen würden die diesseitige Welt entwerten und nur als Sprungbrett ins Jenseits betrachten. Womir wir eine grundlegende Erklärung haben, warum Christen, Muslime und Juden (die in dieser Hinsicht so einige Ähnlichkeiten vorweisen) so gefährlich sein können: Im Diesseits haben viele von ihnen das Jenseits im Kopf.
E
Eliten
Frei nach George Burns ist es nur allzu dumm, dass alle diejenigen Leute, die wissen, wie man ein Land regiert, gerade damit beschäftigt sind, Taxi zu fahren oder Haare zu schneiden. Hierzu aus meinem Beitrag in der Zeitung Sonntaz vom 22. März 2014: „Eliten zeigen uns als (Vor-) Bilder immer nur einen gut gebürsteten Ausschnitt des Ganzen. Mir reicht eine Betrachtung ihrer jeweiligen Funktion. Arjen Robben soll nur für seinen Fußball bewertet werden; Josef Ackermann für die gesellschaftlichen Konsequenzen seiner Spekulationsgeschäfte. Wichtiger erscheint mir aber die Wirkung der Eliten und ihrer Taten auf uns. Wir bejubeln die Eliten, damit wir uns auf dem Kissen ihrer Strebsamkeit ausruhen können. Eine zunehmend chwierige Welt und unsere dekadente Arroganz erstickt unseren notwendigen Tadel. So werden die Eliten zum Spiegel unserer Eitelkeit und materiellen Erwartungen. Unsere eigene Schnelllebigkeit macht uns blind für einen zukunftstragenden Blick auf die Ausgewählten. Nutzen sie unsere kulturellen Errungenschaften und leben nach den Tugenden, für die wir uns rühmen? Im Paradies gibt es keine Pünktlichkeit.“
G
Gegenwart
Heute ist das morgen, das Dich gestern besorgte (frei nach Mark Twain).
G
Globalisierung
Die Globalisierung lässt unsere kleinen Welten mit den kleinen Welten fern wohnenden Menschen verschmelzen. Hierbei geraten schnell die Interessen der Menschen hier vor Ort aus dem Fokus, wo auch immer „hier“ ist. Es kann nicht nur gut sein, dass das große Ganze gut geheißen wird und dem vor Ort Befindlichen weniger Beachtung geschenkt wird. Insofern hat Globalisierung nichts mit einem polarisierenden „Kampf gegen Nationalismus“ zu tun. Ganz im Gegenteil dazu gehören Globalisierung und Nationalismus zusammen, weil die Globalisierung auf dem Nationalismus „starker Staaten“ aufbaut. Wichtig: Globalisierung ist kein Schicksal, sondern beruht auf bewussten Entscheidungen. Als Organisation unterstütze ich daher den Verein attac.
I
Intuition
Frei nach Oscar Wilde lässt sich Intuition beschrieben als „diesen seltsamen Instinkt, der einer Frau sagt, dass sie Recht hat – egal, ob das nun stimmt oder nicht (im Original … whether she is right or not)“.
K
Kaizen
Die Dinge immerzu verbessern: Ich liebe dieses Prinzip, solange es Sinn macht. Nehmen Sie das Beispiel des Rezeptes für eine Sour Cream nach Steakhouse Art: Die Creme dieser Machart ist so köstlich, dass man sie regelmäßig essen wollte. Manche Dinge einfach gut und fertig, so wie sie in der Welt sind, sind. Man sollte sie nicht verändern. Never change a winning team. Never change a running system.
K
Klima
Derzeit leben wir in einem Eiszeitalter, und das schon seit 34 Millionen Jahren. Es heißt Känozoisches Eiszeitalter. Innerhalb dieses Eiszeitalters leben wir derzeit in einer Warmperiode, die auch Interglazial genannt wird. Erstmals erfuhr ich im Jahre 2008 von Antarktisforschern, dass es langfristig weiterhin auf der Erde zwar wärmer werden kann, dass die Erde aber auch relativ schnell wieder zurück in eine Kaltzeit, also den natürlichen längerfristigen Zustand der Erde innerhalb von Eiszeitaltern, zurückfallen kann. Was mir die Antarktisforscher auf einer Reise in die Antarktis erklärten, vertiefte ich später während meines Studiums der Klimatologie.
K
Kolonialismus
Mit Friedensnobelpreisträger Bischof Desmond Tutu gesprochen: „When the white missionaries came to Africa they had the Bible, and we had the land. They said, ‚Let us pray‘. We closed our eyes. When we opened them we had the Bible and they had the land.“ Nochmal auf Deutsch: „Als die weißen Missionare nach Afrika kamen, hatten sie die Bibel, und wir hatten das Land. Sie sagten: „Lasst uns beten.“ Wir schlossen die Augen. Als wir sie wieder öffneten, hatten wir die Bibel, und sie hatten das Land.“
Und mit Tansanias Volksheld Julius Nyerere ergänzt: „That’s how colonizers work: Send trade outposts and military, in this order or the other way around. Ich übersetze: Den armen Ländern wird gesagt, sie müssten hart arbeiten, mehr produzieren und wären dann in der Lage, ihre Armut zu überwinden.
Nyerere brachte das Beispiel von Sisal, früher Tansanias wichtigstem Exportartikel, im Bezug zum Preis von Traktoren: „1965 konnte ich einen Traktor für 17,25 Tonnen Sisal kaufen; der gleiche Traktor kostete 1972 indes soviel wie 47 Tonnen Sisal. […] Die reichen Länder werden reicher, weil ihre wirtschaftliche Stärke ihnen wirtschaftliche Macht verleiht; die armen Länder bleiben arm, weil ihre wirtschaftliche Schwäche sie zu Marionetten im Machtspiel der Anderen macht.“
M
Mütter
Aus meinem taz-Leserbrief im Mai 2013: Mütter bekommen von ihren Kindern/Babies fast genauso viel Energie wie sie ihnen geben. Wer hat eigentlich entschieden, dass das Baby zur Welt kommt? Das Baby bestimmt nicht. Und dann fordert die Gesellschaft, dass das Baby seiner Göttin (der Mutter) dankbar sein soll? Dass es – womöglich wider Willen (es wurde ja nicht gefragt) – zur Welt kam? Da wird die Mutter als Göttin zur Götze. Warum verwendet die muslimische Kunst keine Menschenbilder? Weil sie weiß, wie Menschenbilder als Götzen missbraucht werden. Von wem auch immer.
R
Rechtsstaat
Ein Oberstaatsanwalt hat mir einmal gesagt, er würde diesen Staat nicht als Rechtsstaat bezeichnen, denn das sei falsch. Deutschland habe allenfalls einen Rechtswegestaat. Ansonsten ist der Begriff ein Euphemismus, der nicht sagt, dass die in diesem Staat lebenden Menschen auch zu ihrem Recht kommen.
R
Reputation
Neunzig Prozent aller Politiker verschaffen den anderen zehn Prozent einen schlechten Ruf (frei nach Henry Kissinger).
S
Smartphones
Dass Sie ein Smartphone brauchen, erklärte Rob Mosely so: „Wie anders können Sie Leute darüber informieren, dass Sie im Zug sitzen?“ Ich für meinen Teil nerve keine Mitreisenden im Zug. Bewusst lebe ich ohne Smartphone bzw. Handy. Smartphones sind Funkgeräte am Mann, werden auch als Taschenwanze bezeichnet. Diese Geräte öffnen dem Schnüffelstaat alle Türen und Tore. Sie schränken unsere Freiheit ein, indem sie uns das Gefühl geben, jederzeit verfügbar sein zu müssen. Und ich weigere mich, ständig ein Gerät bei mir zu tragen, über welches mein Bankkonto und andere persönliche Dinge abgerufen werden können.
T
Töten
Wenn sich ein Staat aufs Töten spezialisiert, kann der Staat weg. Das gilt für die Länder USA, Russland, Großbritannien, Iran, Israel, Ukraine und alle weiteren Kandidaten. Keine Daseinsberechtigung für alle diejenigen, die vorsätzlich und mit Methode töten, seien es Privatpersonen, Organisationen oder Staaten. Demokratie hin oder her, eine tötende Demokratie kann weg. Das soll nicht heißen, dass man diesen Zustand aktiv herbeiführen sollte, erst recht nicht, indem man selber tötet. Aber die betreffenden Tötenden und ihre Organisationseinheiten sollten nicht erwarten, dass man ihnen eine Träne hinterherweint.
T
Transparenz
Es gibt eine weit verbreitete Meinung, wie bei Würstchen würden Menschen in dem Maße den Respekt vor Gesetzen verlieren, wie sie erfahren, wie sie zustandekommen. Ich bin der gegenteiligen Meinung, siehe auch das Motto meiner Marke ANA LOGO – Wissen macht glücklich.
U
Unterschiede
Unterschiede sind kostbar. Wie wohl eine Welt wäre, in der es nur eine Farbe gibt, nur Licht und kein Dunkel, wo alle in dieselbe Richtung marschieren? Das Feld zweier unterschiedlicher Einheiten lässt sich physikalisch erklären. Liegt zwischen diesen beiden Polen keine Spannung (an), fließt kein Strom. Viele Menschen kommen mit unterschiedlichen Sichtweisen nicht zurecht. Analog bedeutet das häufig, dass solche Menschen ebensowenig Spannungen ertragen können wie sie das Gegenteil eines elektrisierenden Lebens leben.
Wer die Scheu vor Andersartigkeit verlieren möchte, dem empfehle ich häufig eine Reise in ein exotisches Land. Hat man dort mit den so anderen Menschen und Kulturen zu tun, kann man nicht anders, als sich auf das Andersartige einzulassen. Ein fauler Kompromiss ist es aber, diese Andersartigkeit unbedingt ins eigene Land zu importieren, es dem eigenen Gewohnten zu assimilieren, weil man sich nie trauen würde, in jenes exotische Land zu reisen. Persönlich bevorzuge ich jedenfalls, Injera in Äthiopien zu essen – und nicht in einem Szene-Lokal in Frankfurt.
W
Wissenschaft
Aus meinem taz-Leserbrief im Januar 2013: In Deutschland wie in der Schweiz steht die Integrität der Wissenschaft auf dem Prüfstand. An der Hochschule der Schweiz, der ETH Zürich, stiftete der Konzern Syngenta vor gar nicht allzu langer Zeit eine Stiftungsprofessur für angeblich „Nachhaltige Agrarökosysteme“. De facto handelte es sich um eine Professur, die bzw. der die von Syngenta betriebene Gentechnik protegiert. Als Mitarbeiter der Uni gegen diese Professur protestierten, beschwichtigte der Präsident der Uni, dass Syngenta keinen Einfluss habe. Offiziell mag das stimmen: Aber was erst auf Nachfrage herauskam: Syngenta hat beim Präsidenten im Rahmen eines sogenannten Secrecy-Agreements das Erst-Konsultationsrecht auf Studienergebnisse. Da werden schon mal von Unternehmensseite ein unliebsames Wording bzw. Forschungsergebnis wie „Kontamination“ gestrichen und gegen ein weniger verwerfliches Wort ausgetauscht.
Brisant wurde der Deal im Angesicht der Marktmacht der Firma. Syngenta war 2013 bei GMO (Gentechnisch modifizierten Organismen) die weltweit führende Firma. BayerCropScience die Nummer 2, BASF Nr. 3, Monsanto Nr. 4. Monsanto führte dahingegen die Liste der gentechnisch modifizierten Samenverkäufe an.
Man lese zum Thema anschaulich Chomsky’s „Academic capitalism“ über den Verlust der Wissenschaft als öffentliches Gut. Interessant auch Elson Shields (Cornell University) über „Research Restrictions on Public scienctists“.
